Die Gemeinde Mariendorf-Süd

Im Mai 1958 wurde eine Besichtigungsreise durch die recht groß gewordene Gemeinde Mariendorf (über 30 000 Gemeindeglieder) unternommen, mit dem Ziel, Möglichkeiten für die Teilung zu finden. Die Teilnehmer dieser „Reise“ kamen zu dem Ergebnis, die Kirchengemeinde Mariendorf in vier Gemeinden zu teilen, nämlich in

  • die Kirchengemeinde Alt-Mariendorf
  • die Martin-Luther-Kirchengemeinde
  • die Kirchengemeinde Mariendorf-Süd
  • die Kirchengemeinde Mariendorf-Nordost.
Davon unabhängig hatte der GKR Mariendorf sich schon dafür ausgesprochen, für den Südteil der Gemeinde ein eigenes kirchliches Gebäude zu errichten, um für die in den zwanziger und dreißiger Jahren dort erbauten Siedlungen und für die einsetzende Bebauung des südlichen Teiles des Mariendorfer Dammes ein gemeindliches Zentrum zu schaffen.
Am 21.September 1958 wurde der Grundstein für ein Gemeindezentrum mit Kirchsaal gelegt und am 3.Oktober 1959 konnte bereits die Einweihung gefeiert werden. Es erhielt den Namen
„Nathan-Söderblom-Haus“.

Im Jahr 1960 wird die Teilung der Gemeinde beschlossen: „Im Süden mit dem neuen Gemeindehaus als Mittelpunkt ist der Charakter eines neuen Ortsteiles ebenso deutlich erkennbar, der durch die freien Flächen des Ackerlandes am Hausstockweg und das große Gebiet der Rennbahn ebenfalls eine natürliche Grenze hat.“

Am 1.Januar 1961 war es dann so weit: Die Gemeinde Mariendorf-Süd wurde selbständig.
Um ein eigenständiges Gemeindeleben zu gewährleisten, wurde auf dem großen Grundstück zwischen Mariendorfer Damm/ Säntisstr./ Grimmingweg/ Raucheckweg 1961 noch ein Pfarrhaus und 1966 ein Gemeindeheim errichtet, in dem Räume für die Jugend- und Erwachsenenarbeit, eine Kindertagesstätte mit Hort und Clubräume unterbracht sind.
Die Gemeindegliederzahl hat sich seit der Gründung der Gemeinde mit damals ca. 3000 Gemeindegliedern bis heute nicht wesentlich verändert. Wir haben zur Zeit rund 2.800 Gemeindeglieder.
Bisher wurde unser Gemeinde von 6 Pfarrerinnen und Pfarrer geleitet:

  • Vicco von Bülow bis Oktober 1960
  • Dr. Wolfgang Krüger August 1961 bis Februar 1967
  • Joachim Stoewer März 1967 bis September 1992
  • Andreas Rütenik April 1993 bis Juni 2012
  • Solveig Enk Oktober 2010 bis Juli 2012
  • Lydia Grund seit August 2012

Andreas Rütenik war der erste Pfarrer der nach der Wende von der Ostregion in die Westregion gewählt wurde und nach 14 Jahren Pfarramt in Petershagen, KK Lichtenberg, nach Mariendorf-Süd wechselte. Die Schwierigkeiten dieses Novums hat die Gemeinde damals ganz bewusst auf sich genommen.
Mariendorf-Süd war also schon immer eine Gemeinde mit einer Einzelpfarrstelle und dadurch auch geprägt. In den sechziger und siebziger Jahren kam im Laufe der Zeit ein größerer Mitarbeiterstamm dazu: Küsterin, Kantor, Gemeindeschwester, Gemeindehelferin, Hauswart, Jugendmitarbeiter, Erzieherinnen in der Kita , Kinderspielkreisleiterin usw. Bestimmte Bereiche wurden aber weiterhin ehrenamtlich geleitet, z.B. die Seniorenarbeit.

Wollte man die Gemeinde in ihrer Eigenart beschreiben, dann fällt einem unweigerlich das Wort „Familie“ ein. Dies ist in der Tat ein Schlüsselbegriff für das Verständnis dieser Gemeinde, auch für ihr Selbstverständnis. Familie nicht in dem Sinn einer kleinkarierten, kleinbürgerlichen Kleinfamilie, sondern einer offenen Großfamilie, in der viele unterschiedliche Generationen und Überzeugungen ihren Platz finden und ihre Mitte haben, wo man sich gegenseitig respektiert und nicht aus dem Auge verliert, wo man sich als ein Teil begreift, das etwas zum Familienleben beisteuert. Das Leben in einer solchen Familie ist garantiert nicht konfliktfrei, aber es herrscht hier ein Geist der Achtung aller. Nicht umsonst ist die Familiengruppe der Gemeinde so etwas wie eine Keimzelle für neue Aktivitäten und ihre Mitglieder überall in der Gemeinde vertreten. Wir versuchen ein lückenloses Angebot für alle Alterstufen und – gruppen in dieser Familie „Gemeinde“ bereitzuhalten. Von 0 bis 100 Jahren - und wenn möglich auch noch darüber hinaus - soll es Angebote geben.
Da, wo Hauptamtliche nicht mehr zur Verfügung stehen oder noch nie zur Verfügung standen, wird die Arbeit ehrenamtlich organisiert. Über 150 Ehrenamtliche helfen mit, dass die Gemeinde nicht nur so weiterarbeiten kann wie bisher, sondern dass auch noch Neues möglich wird. Das geht nicht immer reibungslos ab. Weniger Hauptamtliche sind ein Verlust, ein Verlust an Kompetenz, ein Verlust an Arbeitskraft, ein Verlust von „Vorbildern“, ein Verlust von Vertrauten und „Mitstreitern“. Aber mehr Ehrenamtlichkeit ist auch ein Gewinn. Wir spüren das große Engagement vieler Menschen in unserer Gemeinde und das macht Mut, uns und noch Außenstehenden, das wirkt anziehend auch für bisher Fremde in der Gemeinde. Auf diesem Weg werden wir weitergehen, obwohl wir uns bewusst sind, dass noch mehr Verlust von Hauptamtlichen schwer zu verkraften sein wird.

Was zeichnet uns nach unserer Meinung aus?
Was ist typisch für Mariendorf-Süd?
Außer dem bisher genannten sind das unsere Gottesdienste. Sie sind lebendig, vielfältig und treffen offensichtlich „den richtigen Ton“, denn sie werden an jedem „normalen“ Sonntag von 40 bis 110 Menschen jeden Alters besucht.
Auffallend sind die vielen Konfirmanden im Gottesdienst, denn in unserer Gemeinde werden zur Zeit 90 Konfirmanden in zwei Jahrgängen unterrichtet. Das ist eine weitere Besonderheit, dass unsere relativ kleine Gemeinde so viele Jugendliche erreicht und anzieht. Insgesamt arbeiten 70 Jugendliche in den verschiedenen Teams ehrenamtlich mit.
Auffallend ist weiterhin die große Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Es war noch nie schwierig, ehrenamtliche MitarbeiterInnen zu finden, eher schwer ihnen angemessene Aufgaben zukommen zu lassen. In den Gremien der Gemeinde arbeiten auch viele jüngere Menschen mit. KandidatenInnen für Gemeindekirchenratswahlen zu werben und anzusprechen, ist eine Freude, keine Last. Der
GKR ist im Schnitt jung und kompetent, voller Elan. Das spürt auch die Gemeinde.

Die Gebäude sind in einem relativ guten Stand. Wir haben für unsere Arbeit nicht zu viel, sondern an manchen Tagen zu wenig Räume. Insgesamt liegt die Auslastung bei über 80%. Die Betriebskosten können augenblicklich noch bezahlt werden.
In diesem Jahr haben wir die
Kindertagesstätte erweitert und umgebaut, so dass sie nun viel mehr 1-3jährige Kinder aufnehmen kann.

Sorgen machen uns unsere Mariendorfer Friedhöfe. Die wirtschaftliche Situation gibt keinen Anlass zur Entwarnung. Unseren Christuskirchhof konnten wir zwar in den letzten Jahren in einen sehr guten Zustand versetzen, aber allein wäre er auch nicht lebensfähig. Hier müssen in den nächsten Jahren zukunftsfähige Entscheidungen getroffen werden.

Sorgen bereitet uns die zunehmende Überalterung auch unserer Gemeinde. Viele junge Familien, die zu uns gehörten, deren Kinder wir getauft haben, ziehen über die Stadtgrenze hinaus ins Umland und gehen uns so verloren.

Aufbrüche gab es in den letzten Jahren durch die Jahresthemen, indem sich alle Gremien der Gemeinde um bestimmte Arbeitsgebiete ganz besonders bemühten und neue Konzepte umsetzten. So wurde bei den
jungen Senioren (55+) im Jahr 2006 ein ganz neuer Zweig der Gemeindearbeit entwickelt und viele neue Gruppen ins Leben gerufen. 2007 war es die Arbeit mit Kindern, die weg von festen Gruppen hin zur Projektarbeit umgestellt und der regelmäßige Kindergottesdienst durch Kinderbibeltage ergänzt wurde. 2008 ist es die Jugendarbeit, die uns als Jahresthema beschäftigen wird.

Andreas Rütenik (Pfarrer)